"Am Ende geht die Rechnung immer auf"

von Denis Suarsana

Elly Oldenbourg ist Google Managerin, Sidepreneurin, Jobsharerin, Ehrenamtliche und vieles mehr. Im Interview erzählt sie, warum sie sich für einen alternativen Karriereweg entschieden hat und wie sich Job-Sharing für Unternehmen lohnen kann.

Du hast Dich in einem sehr guten Job als Managerin dazu entschieden in Teilzeit zu gehen, um nebenberuflich selbstständig zu arbeiten. Eine klare und bewusste Entscheidung gegen die klassische Karriere. Was war Deine Motivation?

Ich habe zunehmend hinterfragt, was für ein Verhältnis ich zu Arbeit, Leistung und Karriere habe. Was sind meine Werte, wie begreife ich Lebensqualität? Welchen Beitrag möchte ich noch leisten in der Welt? Und da wurde mir schnell klar, dass das nicht nur aufsteigen und Geld verdienen ist. Ich habe mich dann lange damit beschäftigt, welche Hebel ich bedienen kann, um die vermeintlich alternativlose Norm einer Karriere für mich neu aufstellen zu können. Und da landete ich schnell beim Hebel Zeit.

Ich stand dann vor dem Dilemma, dass ich einen Job habe, den ich durchaus mit viel Freude ausübe und gegen den ich mich also auch gar nicht entscheiden wollte. Ich wollte aber auch mehr Raum für andere Interessen, Talente und Fähigkeiten machen, für die mir immer die Zeit fehlte. Mir war klar, dass ich das nicht alles unter einen Hut kriegen kann, wenn ich weiter Vollzeit oder vollzeitnah arbeite. Deswegen habe ich dann meine Unternehmens-Arbeitszeit auf 60 %, also auf drei Tage pro Woche, reduziert.

Elly Oldenbourg ist Google Managerin, Sidepreneurin und New Work Praktikerin (© Linde Brack)

Allerdings habe ich nicht sofort angefangen, mich nebentätig selbstständig zu machen – so nach dem Motto: jetzt fülle ich die freigewordene Arbeitszeit gleich mit anderer Arbeit. Ich wollte erstmal die neu gewonnene Zeit nutzen, um die eigene Blase zu verlassen. Ich habe mich viel ehrenamtlich engagiert, bin Mutter geworden, habe ein paar Zusatzausbildungen gemacht und so weiter. Aus all diesen unterschiedlichsten Aktivitäten sind schließlich die Ideen für meine Selbstständigkeit, meine sog. “Slash Career”, entstanden.

Du machst das jetzt seit knapp fünf Jahren? Wie ist es bisher gelaufen und was hat das mit Dir gemacht?

Mein Fazit bisher ist sehr positiv. Ich habe das Gefühl, dass durch meine Entscheidung, meine Arbeitszeit zu reduzieren, alle profitiert haben: ich selbst natürlich, meine Familie, mein Freundeskreis, aber eben auch mein Arbeitgeber – denn ich arbeite seitdem deutlich besser, habe im Job den Kopf freier und kann mich voll auf meine Aufgaben konzentrieren. Mein Horizont ist viel weiter, ich erkenne mehr Zusammenhänge, sehe mehr Kontext. Ich wandle ständig zwischen den Welten “old” und “new”, zwischen kalkulierbar und grüner Wiese, zwischen sicher und frei. Gelebte Agilität! Und das mit deutlich mehr Zeitsouveränität. Denn, wenn ich mir einen Freitag mit meinem Sohn nehmen will, dann nehme ich mir diese Zeit auch.

Außerdem bin ich durch meine Entscheidung meine Arbeits- und Lebenszeitmodelle ganz neu aufzustellen, immer mehr in diese New Work-Szene reingerutscht. Ich hatte mich nie mit dem Konzept New Work befasst, sondern meine Entscheidung aus meiner persönlichen Lebenssituation und ganz ohne theoretischen Überbau getroffen. Nach einiger Zeit sind dann aber immer mehr Leute auf mich zugekommen und haben gesagt, “Das was Du machst, ist New Work”. Und je mehr ich mit Fragen konfrontiert wurde, desto mehr habe ich mich auch mit den Theorien und den Zukunftsszenarien für Arbeit beschäftigt - und verstanden wie wichtig eine ganzheitlichere Definition von Arbeit, Leistung und Beitrag für eine gerechtere, nachhaltigere Wirtschaft wäre  

Dazu merke ich bis heute: Das Wandeln zwischen Selbstständigkeit und Angestelltenverhältnis fordert und fördert viele der Skills, die in der neuen Arbeitswelt beschwört werden: besagte Agilität, Empathie, das Aushalten von Mehrdeutigkeiten, ständiges Lernen, eine neue Dimension von Resilienz und Flexibilität und viele mehr.

Die eigene Arbeitszeit zu reduzieren, um Zeit für andere Projekte oder sich selbst zu haben – das klingt ja erstmal nicht außergewöhnlich, zumindest, wenn man sich das finanziell leisten kann. Warum bist Du trotzdem eine solche Ausnahme?

Weil viele darüber sprechen, kaum aber jemand das Hamsterrad verlässt und wirklich etwas ändert. Bei mir kommt noch hinzu, dass ich einen Corporate Teilzeit-Job im Jobsharing mache. Da kommen also mehrere Punkte zusammen, die jeweils für sich genommen zwar nicht außergewöhnlich scheinen, aber in der Kombination dann doch kaum zu finden sind. Ich bekomme viel Feedback. Einerseits ist für viele mein Konstrukt noch “exotisch”, andererseits bin ich ein Rolemodel. Und von Vorbildern, die wirklich andere Wege gehen, abseits dem “ich mache klassische Karriere” oder “gründe ein Start-Up” Trend, fehlt es sehr, insbesondere für Frauen.

Die Frage, warum wir uns so selten für alternative Wege entscheiden hat aber häufig auch etwas mit unserem Festhalten an Status und klassischer Karriere zu tun. Wir stellen uns einfach zu selten die Frage, was wir darüber hinaus noch zu Gesellschaft und (Arbeits-)Welt beitragen können. Natürlich ist mir bewusst, dass diese Fragen und auch mein eigenes Lebens- und Arbeitsmodell ein Privileg sind. Man muss es sich leisten können, sich nebentätig selbständig zu machen oder sonst wie zu engagieren. Ich für meinen Teil habe entschieden, meine Stimme in den zum Teil diffusen Debatten rund um die “Arbeitswelt der Zukunft” genau dafür zu nutzen. Ich möchte dazu beitragen, dass es eben kein Privileg bleibt, nicht mehr wahlweise privater Luxus oder optimierbare Verhandlungsmasse ist, das eigene Leben ganzheitlicher zu gestalten und einen ganzheitlicheren Beitrag für die Gesellschaft zu leisten.

Wie kann das gelingen?

Eine grundsätzliche Frage ist, wie wir in unserer Wirtschaft und Gesellschaft Erfolg und Leistung bemessen. Rein quantitativ also z. B. anhand von geleisteter Arbeitszeit oder dem eigenen Gehalt oder verstärkt auch qualitativ? Da spielen z. B. die Diskussionen über die Aufwertung und Einpreisung von Care-Work oder gesellschaftliches Engagement mit rein und wie wir diese Dinge mehr wertschätzen und in unsere Arbeitsstrukturen integrieren können. Oder anders gesagt: damit sich die Arbeit an Umwelt oder Community genauso “lohnt” wie Erwerbsarbeit.

Ein anderes Thema, das die Dringlichkeit für genau einen solchen Wandel unterstreicht, ist die Digitalisierung, die einen tiefgreifenden Strukturwandel des Arbeitsmarktes mit sich bringt. Viele Studien belegen: Linearität hat zunehmend ausgedient, Talente werden diverser und knapper zugleich, viele Prozesse werden digitalisiert und werden somit sehr viele Menschen ohne das heutige Verständnis von Arbeit zurücklassen. Die Flexibilisierung von Arbeit wird immer wichtiger und dafür müssen wir mehr agiles, non-lineares und multi-passionate Arbeiten und Denken zulassen und fördern. Für mich ist Job-Sharing nur eines von vielen vielversprechenden Instrumenten, um genau solche Qualitäten jetzt zu kultivieren.

Du hast in deinem Managementjob lange selbst im Job-Sharing gearbeitet. Wie habt ihr euch das aufgeteilt? Wie lief die Abstimmung?

Jobsharing heißt, dass zwei Menschen auf einer Position die gleichen Aufgaben und Ziele bekommen, um sie sich dann in der eigenen Integrität und Verantwortung aufzuteilen. Ich habe bereits in zwei Job-Sharings gearbeitet, bei denen ich drei Tage arbeitete, meine Kolleginnen je dreieinhalb. Insgesamt haben wir uns damit zwei Tage in der Woche überschnitten.

Die konkrete jeweilige Aufteilung ist allerdings abhängig von den einzelnen Personen, die sich einen Job teilen und von den jeweiligen Arbeitsinhalten. Es gibt Projekte, die macht man gemeinsam, um alle Kompetenzen und Erfahrungen zu bündeln, und andere Projekte, die man z. B. nach Expertise individuell aufteilt. Wichtig ist einfach, dass man sehr transparent kommuniziert und wenig politisch ist - was bei Teilzeitkräften häufig der Fall ist, da sie erwiesenermaßen deutlich effizienter und produktiver arbeiten als Vollzeitkräfte. Der Abstimmungsaufwand war mit knapp zwei Stunden pro Woche aus meiner Sicht recht gering. Dafür haben das Unternehmen, Kunden und auch man selbst dann aber immer jemanden auf der Stelle, es ist immer jemand erreichbar und es gibt auch keine Ausfälle wegen Urlaub oder Krankheit.

Eure Aufteilung bedeutet aber auch, dass ihr eine Vollzeitstelle durch das Job-Sharing quasi aufgebläht habt. Warum sollte das ein Arbeitgeber mitmachen?

Tatsächlich haben wir uns eine 100 %-Stelle mit 60 % und 70 % aufgeteilt, also insgesamt 130 %. Bei anderen kann das anders aussehen, etwa 50-50 oder 60-60. Das ist häufig auch abhängig von der Kulanz und dem Interesse des Unternehmens. Aber Du musst eine ehrliche und umfassende Kosten-Nutzen-Rechnung machen. Denn durch Job-Sharing haben Arbeitgeber auch jede Menge Vorteile: weniger Ausfälle durch Krankheit und Urlaube, weniger Burn-Out-Gefahr, höhere Arbeitgeberattraktivität und Fachkräftebindung, Fortschritte bei den Themen Diversity und Inklusion, weniger Nachfolgeprobleme bei Stellennachbesetzungen, nachgewiesen höhere Produktivität von Teilzeitkräften und vieles mehr. Ich bin überzeugt, dass am Ende die Rechnung für den Arbeitgeber aufgeht.

Du bietest inzwischen selbst einen New Work Kurs an, um Menschen zu helfen, die einen alternativen Weg in ihrem Arbeitsleben einschlagen möchten. Was erwartet einen da?

Meine Mitstreiterin Vera Strauch und ich haben den Kurs ins Leben gerufen, weil wir immer wieder Nachfragen bekommen haben nach dem Motto: Wie kann ich mich auf den Weg zu neuen Arbeits- und Lebenszeitmodellen machen? Und genau darum geht es in unserem Kurs auch. Nicht nur um strukturelle Fragen oder die Philosophie von New Work, sondern auch um Persönlichkeitsentwicklung. Also um Fragen wie: Wie fange ich mit dem Neuaufstellen von Arbeit, Zeit, Leben bei mir selbst an? Sollte ich meine persönliche Aufteilung von Arbeits- und Lebenszeit hinterfragen? Wie gehe ich mit meinem Mental Load um? Oder auch: Wie kann ich das mit meinem Arbeitgeber aushandeln? Wir arbeiten mit einer Anwältin zusammen, die im Rahmen des Kurses aufzeigt, was arbeitsrechtlich möglich ist und was nicht. Und wir habe zahlreiche Role Models dabei, die selbst über ihren Weg berichten. Der Kurs kommt ziemlich gut an. Es gibt da draußen offenbar viele Menschen, die sich eine Alternative zur klassischen Karriere vorstellen können. ​​

Elly Oldenbourg ist Google Managerin, Sidepreneurin und New Work Praktikerin. Ihre eigenen Erfahrungen mit Job-Sharing und alternativen Karrierewegen teilt sie mit anderen in ihrem virtuellen New Work Kurs. Auch auf der #futurework21 hat Elly über ihre persönlichen Vorstellungen von New Work gesprochen (hier geht’s zum Video).

Zurück

Beitrag teilen: