GermanDream - Wie wir das Aufstiegsversprechen für alle einlösen können

von Denis Suarsana

Düzen Tekkal hat die Bildungsinitiative GermanDream gegründet, um mit jungen Menschen auf Augenhöhe über Werte, Bildung und Chancengerechtigkeit zu sprechen. In Wertedialogen gehen Menschen, die selbst den Aufstieg in unserer Gesellschaft  geschafft haben in den Austausch mit Jugendlichen und sprechen über ihre eigenen Erfahrungen und Lektionen. Warum das so wichtig ist, erklärt sie im Interview.

Du bist selbst Tochter von Geflüchteten und unterstützt mit Deiner Organisation GermanDream junge Menschen dabei, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Wie steht es in Deutschland mit dem Aufstiegsversprechen gerade für junge Menschen
mit Migrationsgeschichte?

Das Aufstiegsversprechen ist auf dem Weg, aber muss aus meiner Sicht noch besser eingelöst werden. Wenn diesbezüglich alles in Ordnung wäre, bräuchte es Bildungsinitiativen wie GermanDream nicht. Das Bildungssystem ist nicht so schlecht, wie wir es immer reden, aber natürlich gibt es immer noch gläserne Decken und strukturelle Benachteiligung. Wichtig ist aber, dass wir uns da nicht in Diskussionen begeben, in denen wir Opferexistenzen bedienen. Vielmehr sollten wir uns die Frage stellen, wie wir diese Strukturen auflösen können. An der Stelle ist zum einen eine individuelle Kraft gefragt: Diese resilienten und engagierten Menschen sehe ich überall. Aber der stärkste Resilizenzmuskel nützt nichts, wenn die strukturelle Benachteiligung nach wie vor da ist. Immer noch spielt es bei den Aufstiegschancen eine Rolle, wo Menschen herkommen, welcher Religion sie angehören, aus welchen ökonomischen Verhältnissen sie kommen – Stichwort Klassismus. Aber genau diese Gräben gilt es zu überwinden.

Düzen Tekkal ist Journalistin, Menschenrechtsaktivistin, Sozialunternehmerin und Gründerin der Bildungsinitiative GermanDream (© Richard Pflaume)

GermanDream ist eine Antwort darauf. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir dieses Aufstiegsversprechen einlösen können. An meiner eigenen Vita wird sichtbar, dass alles möglich ist in diesem Land. Das möchte ich auch positiv vorleben – ohne dabei die Welt schöner zu reden, als sie ist. Aber die Tatsache, dass ich aus einem bildungsfernen Elternhaus komme, meine Mutter nie Lesen und Schreiben gelernt hat, wir zuhause nie Deutsch gesprochen haben und wir es trotzdem geschafft haben, hat auch mit dem Bildungssystem zu tun. Und auch damit, dass wir ein Produkt der Solidargemeinschaft sind. Das heißt, es gibt sehr viel Licht, aber auch ein bisschen Schatten. Um die genannten Gräben zu überwinden ist also Selbstwirksamkeit gefragt, aber auch kollektive Anstrengungen und strukturelle Bedingungen, die das erlauben.

Ihr seid mit euren Wertebotschafterinnen und -botschaftern in ganz Deutschland an Schulen unterwegs und sprecht mit Schülerinnen und Schülern. Was treibt die jungen Menschen um, wenn sie an ihre Zukunft denken?

Dieselben Sorgen, die die Erwachsenen auch haben. Und ich bin beeindruckt und erstaunt darüber, wie vernünftig unter jungen Menschen debattiert wird. Ich stelle mitnichten fest, dass die Jugend politikverdrossen ist – viel eher ist die Politik jugendverdrossen. Das sind die Erfahrungen, die wir machen. Die jungen Menschen treiben Existenzängste um. Sie
haben Angst vor Krieg, vor Entmenschlichung. Sie machen sich Gedanken darüber, was über die deutschen Nestränder hinaus passiert. Ich treffe auf Menschen, die empathisch sind, die intrinsisch motiviert sind, die ihre Kompetenz einsetzen wollen, um auf der richtigen Seite zu stehen. Die sich ihrer Privilegien so bewusst sind, wie ich es selten zuvor erlebt habe. Im Zeitalter der Globalisierung und vieler offener Fragen – ob man bestehen kann, ob man reicht, so wie man ist – geht es auch häufig um die Identitätsfrage. Was mir Sorgen macht, ist, dass viele Jugendliche enttäuscht sind und sich von politischen Entscheidungsträgern nicht ernst genommen und mitgenommen fühlen. Genau an dieser Stelle setzen wir mit den Wertedialogen an: Die positive Macht der Begegnung auf Augenhöhe.

Gibt es da aus Deiner Sicht einen Unterschied zwischen der Generation Z und den älteren Generationen?

Definitiv: Das neue Zeitalter, in dem wir leben – mit all seinen neuen Möglichkeiten und Herausforderungen – prägt die Generation Z und unterscheidet sie von den vorherigen. Ich würde davor warnen, so zu tun, als ob die Generation Z sich in Luxusdebatten üben würde. Ich stelle eher fest, dass die Privilegien – allein das Recht auf Bildung, ohne Gefahr zu laufen, dafür Repressalien ausgesetzt zu werden – als solche erkannt werden. Dieses Privileg gibt es nicht überall: Das haben wir zum Beispiel jüngst in Afghanistan gesehen, wo bei einem Anschlag auf eine Schule viele Schülerinnen getötet wurden. Ich glaube, dass der Generation Z bewusst ist, dass sie eine Verantwortung hat. Und ich stelle viel Solidarität fest, nach dem Motto: Wenn es mir gut geht – wie kann ich dafür sorgen, dass es anderen Menschen auch gut geht?

Was muss eine neue Bundesregierung ab Herbst angehen, um die Perspektiven junger Menschen zu verbessern?

Eine neue Bundesregierung muss den Wert der Bildung ganz nach oben auf die Agenda setzen und sie zur Chefsache machen. Sie muss junge Menschen stärker einbinden, zum Beispiel junge Akteur:innen aus der Schülerschaft. Sie muss sich eingestehen, dass Schüler:innen in der Corona-Pandemie monatelang zurecht das Gefühl hatte, dass Bildung keine Lobby und keine Priorität hat und dafür sorgen, dass sich so etwas nicht wiederholt. Die neue Bundesregierung muss auch um die Herzen und Köpfe der jungen Menschen ringen und überzeugender sein als Hassprediger und Extremisten aller Couleur. Es gibt für mich kein packenderes Thema als das Thema “Aufstieg”: Wir alle lieben Aufstiegsgeschichte und leben in einem Land, in dem sie möglich sind. Derzeit wird viel zu wenig dafür getan, jungen Menschen den Wert und die Chancen aufzuzeigen, die Bildung bietet.

Ihr stellt für die #futurework21 mit „German Dream – ein neues Narrativ für das digitale Zeitalter“ gerade ein cooles Panel u.a. mit Janina Kugel und Cem Özdemir auf die Beine. Was erwartet uns da? Worüber wollt ihr sprechen?

Für mich ist es etwas ganz Besonders, auf der #futurework21 vertreten zu sein. Letztes Jahr waren wir ein Sidekick und haben uns bei dieser Veranstaltung auch in die Herzen der Veranstalter gesprochen. Ich glaube, das hatte etwas damit zu tun, dass man durch uns die Menschen hinter den großen Namen kennenlernen durfte. Zum Beispiel Dorothee Bär, die erzählte, dass ihre Mutter auf der Hauptschule war oder Janina Kugel, die von ihren Diskriminierungserfahrungen als schwarze Frau in Deutschland erzählt hat. Oder der Politiker Danyal Bayaz, der davon sprach, in Interviews lieber nach fachlichen Themen gefragt werden zu wollen, als auf seinen türkischen Background reduziert zu werden. Das waren für mich Sternmomente. Und genau das sind Geschichten, die die Zuschauer:innen am Ende des Tages bewegen. Diese persönlichen Geschichten darf man auch in diesem Jahr erwarten.

Düzen Tekkal ist Journalistin, Menschenrechtsaktivistin, Sozialunternehmerin und Gründerin der Initiative GermanDream. GermanDream ist eine überparteiliche und unabhängige Bildungsinitiative, die sich für die Vermittlung von gesellschaftlichen Werten einsetzt. In Wertedialogen tauschen sich deutschlandweit Wertebotschafterinnen und -botschafter mit jungen Menschen aus. Die Initiative setzt sich ein für eine Gesellschaft, in der "alle mitgenommen werden und die gleichen Chancen haben – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Konfession oder Lebensentwurf". GermanDream ist am 9. Juni mit dem Panel "GermanDream – ein neues Narrativ für das digitale Zeitalter?" als Partner auf der #futurework21 vertreten

 

 

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