Kann man Ethik essen?

von Denis Suarsana

In Deutschland dreht sich beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) derzeit fast alles um Ethik. Bei Auswirkungen von KI auf den Menschen kann das auch wichtig sein. Bei den meisten KI-Anwendungen sucht man allerdings vergeblich nach einer moralischen Dimension. Wir sollten lieber intensiver darüber nachdenken, wie wir die Entwicklung von KI in Deutschland voranbringen können.

Die Europäische Kommission hat es getan. Die OECD hat es getan. Und auch die Bundesregierung arbeitet mit Hilfe der Datenethikkommission daran, ethische Leitlinien für die Anwendung von KI vorzulegen. Auch in den Medien beherrscht diese Diskussion die Überschriften. Man könnte also meinen, dass Ethik die einzig entscheidende Frage im Hinblick auf KI darstellt. Doch tatsächlich spielt sie bei der Entwicklung konkreter KI Anwendungen nur selten eine dominierende Rolle. Bei der überwiegenden Mehrheit von KI-Anwendungen sucht man vergeblich nach jeglicher moralischen Dimension. Oder können Sie beim KI-Chip in Ihrer Handykamera, bei der intelligenten Steuerung eines Pumpenwerks oder der individuellen Filmempfehlung entscheidende Herausforderungen für die Selbstbestimmung des Menschen, unser Zusammenleben als Gesellschaft oder das westliche Wertesystem erkennen? Eben.

Darüber hinaus entpuppen sich einige der vermeintlich philosophisch-ethisch bedeutsamen Fragen bei näherem Hinsehen als relativ profane Angelegenheiten. Zwei Beispiele:

Beispiel 1: Die Debatte, wer bei einem Unfall eines autonom fahrenden Autos die Verantwortung trägt, ist in erste Linie keine ethische, sondern eine haftungs- und ggfs. strafrechtliche Frage: Produkt- oder Gefährdungshaftung – da scheiden sich die juristischen Geister.

Beispiel 2: Die Diskussion um die Transparenz und Nachvollziehbarkeit von algorithmischen Entscheidungen hat vor allem eine technische (geht das überhaupt?) und eine datenrechtliche (welche Daten wurden wie verwendet und ist das denn erlaubt?) Dimension. Beides hochkomplex, aber moralisch eher selten relevant.

Damit soll nicht behauptet werden, dass das Thema Ethik im Hinblick auf KI überhaupt keine Rolle spielt. Im Gegenteil: Bei autonomen Kampfdrohnen oder medizinischen Entscheidungen durch Algorithmen z. B. ist die ethische Frage natürlich zentral. Allerdings machen solche Fälle nur einen sehr geringen Anteil aller KI-Anwendungen aus. Das Problem ist also, dass der Raum, den das Thema Ethik in der politischen Debatte einnimmt, mit der Realität und den wirklichen Herausforderungen in der KI-Entwicklung nicht allzu viel zu tun hat.

Statt einer allgegenwärtigen Ethikdebatte brauchen wir endlich auch eine ernsthafte Diskussion darüber, wie wir in Deutschland und Europa in Sachen KI weltweit ganz vorne mitspielen können. Denn ohne Technologieführerschaft können wir beim Setzen von Standards und Werten nicht mitreden. Die Förderung von Forschung und Entwicklung ist dabei ein wichtiger Punkt, keine Frage. Klar muss aber auch sein: das Verteilen von Geld allein wird hier nicht den entscheidenden Durchbruch bringen. Wir müssen endlich auch die richtigen Rahmenbedingungen für die Entwicklung von digitalen Technologien und innovativen Geschäftsmodellen schaffen. Dazu gehört eine leistungsfähige Infrastruktur von Glasfaser, über 5G bis hin zu dezentral verteilten Rechenzentren. Dazu gehören große Datenmengen, die Wissenschaft und Unternehmen im Rahmen eines modernen Datenschutzes sinnvoll nutzen können. Dazu gehört die Schaffung eines starken Ökosystems für Gründer (Spoiler Alert: eine DIN-Normierung für Start-ups ist da nicht hilfreich). Und dazu gehört die Möglichkeit, neue Technologien schnell und unkompliziert testen und auf den Markt bringen zu können – auch außerhalb eng begrenzter Experimentierräume.

Die Auflistung ließe sich weiterführen. Die genannten Punkte zeigen aber schon deutlich: Statt ausschließlich philosophischer Grundsatzdebatten müssen wir endlich konkrete Lösungsvorschläge entwickeln. Groß denken statt kleinteilig verwalten muss dabei die Devise sein. Dafür braucht es Mut und Offenheit, gewohnte Strukturen aufzubrechen und den Schritt in die Zukunft zu wagen – auch wenn wir nicht genau wissen, was uns am Ende des Wegs erwartet. Die Alternative klingt wenig überzeugend: Wir diskutieren weiter über die Gefahr von E-Rollern auf Gehwegen, während die Zukunft woanders stattfindet.

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