#StayAtHome – Chance für New Work?

von Denis Suarsana

Seit Ausbreitung des Corona-Virus finden sich Millionen von Beschäftigten über Nacht im Home Office wieder – ganz Deutschland im unfreiwilligen Feldversuch zu Potenzial und Grenzen von mobilem Arbeiten.

#flattenthecurve in Zeiten von Corona: Millionen von Menschen arbeiten derzeit in Deutschland im Home Office. Weitreichende soziale Einschränkungen sowie Kita- und Schulschließungen führen dazu, dass sich zuhause Familienmitglieder gegenseitig auf die Füße treten. Digitalisierungsverweigerer müssen kollaborative Tools erlernen und finden sich in Videokonferenzen wieder. Instant Weiterbildung am Limit. Wie lange das dauern soll? Unklar. Ein Stresstest für alle Beteiligten: Beschäftigte, ihre Familien, vor allem aber auch für Unternehmen. Kann die jetzige Ausnahmesituation aber vielleicht auch eine Chance in Sachen mobiles Arbeiten sein?

Die Unternehmen stehen derzeit vor der Situation, ihre Beschäftigten möglichst nach Hause zu schicken, um Ansteckungen zu verringern. Gleichzeit muss das Unternehmen weiterlaufen. Keine einfache Aufgabe. Wer kann seinen Job von zuhause aus erledigen, wer kann das nicht und wer wird unbedingt im Büro oder Betrieb gebraucht? Ein Versicherungsunternehmen hat da ganz andere Möglichkeiten als eine Firma im verarbeitenden Gewerbe oder ein Handwerksbetrieb. Oft ist die Antwort: Wir haben jetzt keine Zeit für lange Diskussionen. Wir probieren das einfach aus. Gut so.

#StayAtHome - aber bitte auf eine gesunde Arbeitshaltung achten.

Erstmal stellen sich technische Fragen. Wie lässt sich „Home Office für alle“ überhaupt einrichten? Wer sowieso schon mit digitalen Kollaborationstools und vollständig in der Cloud arbeitet, wird hier vermutlich weniger Probleme haben. Bei wem allerdings noch der eigene Server im Keller steht oder einzelne Dateien zwischen Desktop-PCs hin- und hergeschickt werden, bei dem sieht die Sache schon deutlich schwieriger aus. Hinzu kommen noch die sicherheitstechnischen Herausforderungen, um die eigenen Daten und den Zugriff auf das Unternehmensnetzwerk vor Dritten zu schützen – beim flächendeckenden Arbeiten im heimischen W-Lan keine ganz leichte Aufgabe.

Arbeitgeber und ihre Beschäftigten stehen aber auch vor Problemen der Arbeitsorganisation. Denn wie können Teams oder ganze Unternehmen über Wochen sinnvoll und produktiv im Home Office zusammenarbeiten? Auch das wird sich erst im Rahmen eines Trial and Error Prozesses individuell herausfinden lassen. Virtuelle Kollaborationstools wie Teams und Slack oder Videokonferenzsysteme wie Zoom und Skype haben jetzt Hochkonjunktur. Und genau hier liegt eine der großen Chancen der derzeitigen Ausnahmesituation für die Arbeitswelt. Denn während bisher vor allem Konzerne und die digitale „Avantgarde“ solche Tools genutzt haben, könnten sie am Ende der Krise in der Breite der Wirtschaft angekommen sein und Deutschland in Sachen New Work einen großen Schritt nach vorne gebracht haben. Gleiches gilt übrigens auch für digitale Bildungsangebote, die in Zeiten von Schulschließungen und Home Schooling gerade ihren großen Durchbruch erleben.

Sind die technischen und organisatorischen Fragen erstmal geklärt und die meisten Beschäftigten im Home Office, stellen sich für Arbeitgeber schnell rechtliche Fragen. Welche Rechte und Pflichten haben Arbeitgeber, aber auch Arbeitnehmer, wenn wochenlang im Home Office gearbeitet wird? Immerhin geht der Spitzenverband der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) davon aus, dass es sich auch bei mehreren Wochen andauerndem Home Office lediglich um begrenztes mobiles Arbeiten und nicht um Telearbeit im Sinne des Arbeitsschutzes handelt. Das heißt, Arbeitgeber müssen ihren Beschäftigten keine festen Telearbeitsplätze einrichten. Der heimische Schreib- oder Küchentisch tut es zunächst auch.

Hier beginnen allerdings die Herausforderungen für die Beschäftigten selbst. Denn während man bei gelegentlichem Home Office auch mal an einem etwas improvisierten Arbeitsplatz zuhause irgendwo zwischen Tür und Angel arbeiten kann, empfiehlt es sich in der jetzigen Situation einige Grundregeln zu beachten, damit auch über Wochen hinweg produktiv und gesund gearbeitet werden kann. Wichtig ist hier zum Beispiel eine gesunde Sitzhaltung, ausreichend Tageslicht, regelmäßige Pausen und genug Bewegung. Auch der häufige telefoni-sche oder digitale Austausch mit den Kollegen ist auf Dauer unerlässlich. Viele weitere gute Tipps gibt es unter anderem auch online .

Klare Regeln braucht es auch, wenn es darum geht, Familie und Beruf auf den wenigen Quadratmetern der eigenen Wohnung unter einen Hut zu bringen. Für viele Beschäftigte ist das derzeit sicherlich die größte Herausforderung. Wer sich z. B. mit dem Partner bzw. der Partnerin die Care-Arbeit aufteilen kann, könnte feste Zeitpläne für Arbeits- und Familienzeit aufstellen. Bei wem das nicht geht, müssen andere Wege gefunden werden. Hier sind Arbeitgeber und Beschäftigte gefordert, gemeinsam individuell und flexibel gangbare Vereinbarungen zu finden. Beispielsweise könnten jetzt Überstunden abgebaut oder Unterstunden gesammelt werden. In manchen Fällen werden Eltern einen Teil ihrer Arbeit lieber morgens oder abends erledigen, wenn die Kinder im Bett sind. Leider droht das geltende Arbeitszeitrecht einer solchen Lösung im Wege zu stehen. Denn wer um 23 Uhr noch am Laptop sitzt, weil er tagsüber die Kinder betreut hat, darf aufgrund der gesetzlich geforderten Ruhezeit von elf zusammenhängenden Stunden am nächsten Morgen erst um 10 Uhr wieder anfangen zu arbeiten. Ein Unding und Beweis, dass das Arbeitszeitgesetz nun endlich schnell reformiert werden muss.

Was die derzeitige Krise aber auch zeigt, sind die klaren Grenzen von mobilem Arbeiten und Home Office. Denn ein großer Teil der Beschäftigten arbeitet in Berufen, in denen nicht oder nur sehr eingeschränkt von zuhause gearbeitet werden kann. Und das gilt nicht nur für die jetzt systemrelevanten Bereiche wie zum Beispiel im Gesundheits- und Sicherheitsbereich oder im Einzelhandel, sondern eben auch in weiten Teilen der Produktion, der Dienstleistungsbranche oder dem Handwerk, um nur einige zu nennen. Dennoch findet gerade ein enormer Digitalisierungsschub und Bewusstseinswandel statt. Stellen wir uns die aktuelle Situation ohne die technischen und digitalen Möglichkeiten vor. Für viele Unternehmen und Beschäftigte wäre die aktuelle Situation noch schwerer zu handhaben. Deutschland wird durch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einschnitte nach der Corona-Krise ein anderes Land sein. Aber wir wagen die vorsichtig optimistische Prognose, dass es zumindest ein deutlich digitaleres sein wird.

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